Antwort auf: Nr. 21 – 10. 9. 1797

Foren Lindenbriefe Morsbroich Nr. 21 – 10. 9. 1797 Antwort auf: Nr. 21 – 10. 9. 1797

#528

Hochwürdig = Hochwohlgebohrner Freiherr,

Insonders Hochzuverehrendester Herr Landkommthür,

Hochgebietend – Gnädiger Herr!

 

Kaum hatte, uns Ewer Hochwürden Exzellens hochverehrlichen beiden Rescripten vom 15n. Aug. abhin, ich die so erfreüliche Nachricht des zwischen Österreich und Franckreich nun endlich abgeschloßen seyn sollenden Endfriedens, zu lesen die Gnade gehabt, so verbreiteten sich hingegen noch nehmlichen Tages die Gerüchte, daß von Wezlar, Giesen und Weilburg her, wircklich 10 a 11000 Mann Infanterie nach den hießigen Gegenden aufm Marsch begriffen seien, um ihre Cantonnirungs-Stationen zu beziehen. Dies letztere hat sich, leider! schon mehr als zu viel bestätiget, denn ich wüste kein Dorf im ganzen Bergischen, welches dermal Einquartirung frei. am 27n. v. M. erfuhre ich, daß das Kirspel Schlebusch, noch nehmlichen Tages, mit 1 Compagnie Grenadiers des 1n. bataillons von der 67n. halb brigade würde belegt werden. Um das Haus Morsbroich für allenfallsiger Einquartirung desto ehender zu befreien, raumte ich das selbe, und ginge nacher Mülheim. Allein! des Hn. Oberamt-Mann Fhn. [Freiherrn] v. Lüzerode Secretaire und dermaliger Marsch-Commissaire hatte die Unvorsichtigkeit gehabt dem Obersten sotanen bataillons, einem Capitain, einem Adjutent Majorn, einem Chirurgien Major, nebst einem Schreiber, das hießige Hauß zu ihrem Bureau anzuweißen. Um den Mittag kamen dieße Herrens mit 2 Bedienten und einem Weib dahier an, und fanden das Hauß leer. ihre 1te. forderung bestunde in Eßen und trinken, sodann in Beschaffung 5 Vollständigen federnen Bettungen. 1teres muste der Halfen, für den Tag hergeben; da aber derselbe kein Ordentliches Bett herschaffen wolte, oder nicht konte, so wurde der Orts-Vorstand attaquirt und mit Execution belegt. dieser schickte mir sogleich einen Expressen, und ersuchte mich um die Anschaffung deren 5 Bettungen. ich erwiderte demselben, daß dies für mich um so unthunlicher, je bekennter es seie, daß die M-broicher Bettungen durch die plünderungen, teils sehr gelitten, teils nachhero aus Ordres des Gral. receveurs des Domaines, für die Republique nacher Köln gebracht worden seien. Anderten Morgens in der fruhe erhielte ich von d.Hn. Obrist, Namens le Roy, den scharffen Befehl, die Bettungen ohnverweilter anzuschaffen, und mich selbst dahier einzufinden. ich eilte sofort nach Köln, um mit dasigen Hn. Beamten die Sache zu überlegen, H. Hofr. [Hofrat]  v. Welter und Hr. Rtmstr. Dechen waren der Meinung, daß nähere Ordres zu erwarten seien, und ich noch ein paar Täge zuruckbleiben solte. Allein! mittlerweile, daß ich in Köln ware, hatte d.Hr. Obrist mit den übrigen Offes. [Officiers] mich wircklich in Mülheim aufgesucht, da Sie aber weder mich, noch den daselbst logirenden General Compère vorgefunden, hatten Sie dem Marsch Comissaire aufgetragen, mir anzudeüten, daß in zeit 24 Stunden, ich, samt den Bettungen, mich unter der strafe, dahier einzufinden hätte, daß widrigens 30. Grenadiers hierhin gelegt – und jedem pro Tag ½ Kron. [Krontaler] gezahlt werden solten. Der Marsch – Commissaire ließe mich folgenden Morgens zu sich berufen, und, kaum hatte ich mit demselben einige worte gesprochen, so trate der dahier logirende Capitain ins Zimmer, und befragte Ihn, Ob Er mich gesprochen – und mir alles angedeütet habe. dieser erwiderte, daß ich derjenige seie, den man suche. Nun ware der Vogel gefangen. ich muste, über mein weggehen von hier, über die Ausleerung des Haußes¹ die derbsten Vorwürfe anhören, all mein Ausreden halfe nichts – Ohnverzüglich mußte ich mit Ihme, Von 2 Grenadiers, begleitet, zu Hn. Rtmstrn., um von dießem die Anschaffung der Bettungen zu gesinnen. H. Rtmstr. wolte sich ebenfalls, mit plünderungen, entschuldigen. Allein keine Entschuldigung wurde angenohmen. Nur unter dem Versprechen: daß noch nehmlichen Abends, ich mit den Bettungen dahier eintreffen würde: wurde ich entlaßen. ich suchte sogleich eine Karrich auf, und ließe in der Behausung des Hn. Sindicus Dolleschall die 4 schlechtesten Bette, 8 Küßen, 4 paar Bettlaken und 2 Küßenziege Aufladen, und begleitete die Karrich Anhero. ich gewärtigte nun abermal die schönsten reprochen, und noch was mehr. Allein! Nichts weniger, als das, geschahe. Hr. Obrist ein sehr feiner und Solider Mann empfinge mich sehr freündschaftlich. Er forderte indeßen auch von mir die baldige Anschaffung des nötigsten Tischzeügs, der Kuchen Geschirren, der Köchin /: die Er selbst auch schon aufgesucht hatte :/ und endlich die fournitung der Tafel. ich  erwiderte demselben, daß ich ersteres, so viel nur möglich, thuen würde, Letzteres aber, wegen der jetzig – traurigen Lage der Sachen, unmöglich auf Kösten des hießigen Haußes geschehen könte, und ohnehin die Anschaffung deren Vivres [Lebensmittel, Verpflegung] wo nicht vom gantzen Amte, doch wenigstens von dem Kirspel Schlebusch, gemeinschaftlich geschehen müste, als worüber ich d.Hn. Richter besprechen würde. hinmit begnügte sich einsweilen d.Hr. Obrist. ich ginge sodenn zu Hn. Richter, stellte demselben die Lage der Sache deütlich vor, und beredete Ihn, daß zwischen Ihme, des Amts-Vorsteheren und mir eine desfallsige gemeinschaftliche Berathung vorgenohmen werden möge. dieße ist auch bereits unterm 3ten. dießes vor sich gegangen. in derselben zeigte es sich, aus dem vom Schlebuscher Vorstand bis dahin fournirten Kuchen Zettel des Obristen¹, daß deßen Tafel, ein Tag in dem andern, gerechnet, mit = und ohne frembden Gäste, pro Tag auf 14 ad 15 rhr. zu stehen kame. Auf  die frage: wie die Gemeinde, zu dießen täglichen Ausgaben für die Zukunft zu concurriren habe? wolte dieselbe darauf bestehen, daß Ewer Hochwürden Exzellenz darab eine Hälfte, und Sie Gemeinde die anderte Hälfte zu entrichten haben solle. Hierinn konte und wolte ich aber für diesmahl nicht einwilligen. ich erhielte indeßen anderten Tages den zur hohen Einsichte dahier beigefügten neuen Kuchen-Zettel von dem Hn. Obrist², welcher den obigen noch mit 2 Schüßlen übersteigt, mit dem Bedeüten: ohne Aufschub die fournirung der Tafel, selbst zu übernehmen, und mich des falls, so gut ich könte, mit dem Amte zu arrangiren hätte. Seit dem 5ten. dießes hab ich mich also hierzu anschicken, und alle und jede Anschaffung deren Vivres  bestreiten müßen. da nun nach meiner genauen Berechnung vom 5n. bis auf heüte, der Tägliche Ertrag /: besonders so lange es noch wildprett gibt :/ nicht über 14 r. sich pro Tag beloffen, so bin ich heüte mit Hn. Richtern als Bevollmächtigten der Gemeinde, dahin übereingekommen, daß Ewer Hochwürden Exzell. nur ⅓tel, der Gemeinde hingegen ⅔tel zu last fallen – sohin dieße an jedem decade; so lang die gegenwärtige Einquartirung bestehen wird, an mich ein hundert Reichsthlr. auszahlen solle.² Gleichwie nun aber der gringe Geld-Vorrath, der ausweis des zur hohen Einsichte und gnädigen Ratification anligenden Monats – Status Augti., in meinen Händen noch beruhete, schon aufgezehrt ist, und ich dermalen auch nicht im stande bin, derlei Auslagen aus dem Meinigen zu thuen; so sehe mich in die Nothwendigkeit versetzt, um die Gnädigen Verhaltungs-Befehle: woher so wohl zu Bestreitung dießer täglichen Ausgaben, als zu Befriedigung deren teils pensionirten teils Salarirten Dienerschaften, fort sonstigen Nothwendigkeiten die erforderlichen Gelder zu nehmen seien: um so mehr unterthänig zu bitten, alß allem gegründeten Anschein nach, es wohl gar keinem Zweifel mehr ausgesetzt ist , daß die Cantonnirungen der Franzoßen, den bevorstehenden gantzen Winter hindurch, continuiren werden. O! wie wird’s wehrend dießer Zeit, Morsbroich und mir annoch ergehen? die letztern Dinge werden, scheinbarlich noch schlimmer sey denn die ersteren. Heüte sinds just 2 Jahre, daß wir im gegenwärtigen Kriege die Franzosen, zuerst hier sahen, und wehrend dieser 2 Jahren ist das Bergische Land /: die plünderungen ausgenohmen :/ von denselben noch nicht so hergenohmen worden, als bei den jetzigen Einquartirungen. Fleisch und Brod, tabac und haarpuder, ja alle erdenckliche Nothwendigkeiten muß der Bürger so wohl als der Baur, und zwarn ohne einige widerrede, dem Soldat hergeben. darbeneben [sic!] muß jede Stadt, jedes dorf seine einquartirten Truppen vom Kopf bis zu den füßen neü equipiren; die noch ruckständige alte Contribution wird, mit all möglichen Geschwinde, executive beigetrieben, damit eine neüe, die schon unter der preße, desto ehender statt finde. bei allem deme ist´s friede? Endlich hat auch d.Hr. forst-Inspector Emmerich /: nachdem von der Mittel-Commission zu Bonn, demselben neüerdings die Ordre zugegangen, das holtz-Geschäft zu beschleünigen, sich zu Zeichnung deren Baümen dahier eingefunden. Er hatte eine, Ihme miteins zugeschickte Liste bei sich, worinnen Specificè [besonders] bemercket, wie Viele Klafteren holtz in jedem Busch  /: diejenigen ausgenohmen, so sich mit Eichhoff  bereits abgefunden :/ Verfertiget- und wie viele Baüme hierzu geschlagen werden solten. Zufolg sotaner Liste solten aus denen Morsbroicher Buschen 40 Klafter gefertiget- und hierzu 30 Baüme gezeichnet werden. Die Zeichnung solcher Baümen fande ich, am diensamsten in den zur Doctorsburg gehörigen Buschen, aus der Ursache vorzunehmen, weilen eines theils in denselben die Eichbäume am dicksten zusammen stehen, auch die ältesten Bäume sind, und andertens dieße Lage, der Gefahr sehr exponiret ist, weilen solche nicht weit vom rhein enfernet, und sohin leichtlich Jemandem einfallen könte, eine parthie dießer Baümen von der Republique zu erhandlen, und aufm waßer weg zu transportieren der tax deren 40 Klafteren /: welchen Emmerich an Eichhoff eingeschickt hat :/ wird sich auf 160 rhr. belaufen. die zu Klafterholtz gezeichneten 30 Baüme kann ich dermalen, wo die rheinpassage wieder offen und zimlich viel holtz den rhein herunter komt, höher nicht als 270 r. taxiren. Ob Eichhoff, an welchen ich des falls geschrieben hab, für die besagten 40 Klafteren Holtz /: deren Bestimmung in das Magazin nacher Düsseldorf ist:/, sich mit etwan 100 rhr. begnügen- und zugleich, seinem ehemaligen Versprechen gemäs, einen revers abgeben wird, wodurch sämtliche in hießiger Gegend gelegenen T.O:³ Waldungen gegen zukünftige Unfälle sicher gestellt werden, dies werde ich wohl ehestens von demselben ruckantwortlich zu erwarten haben. es fragt sich indeßen schon wiederum, wo die hierzu erforderlichen Gelder herzunehmen seien. wie es übrigens bei den bevorstehenden winter quartieren den Buschen ergehen werde, läst sich leicht denken, Dann werden Soldaten und Bauren gemeinsahme Sache machen. Ohne die obig-bemerckten, Zu Klafterholtz, für die Republique gezeichneten 30 Eichen, hat Emmerich auf mein Ansuchen, deren annoch 17 in den zur doctorsburg gehörigen Ballei-Buschen, und 13. in denen Land-Kommtürln. Buschen, welch-alle recht gesunde Baüme sind, zu desto mehrerer sicherheit, mit dem republicanischen waldbeil gezeichnet, für welch–gehabte Bemühung derselbe sich mit 4 brab. Kron.⁴ begnügen laßen. Der Rest deren, aus dem Verkauf des diesjährigen Schlagholtzes eingegangenen Gelder,ist dem Monats Status Aug. mit 41 r.-57 stb. eingetragen. die ganze Masse desselben betruge sich 24 viertel. hievon [sic] sind verkauft und abgeliefert worden 21 Viertel. 19½ hundert, welche an Kaufschillingen sich belaufen auf-rhr. 387-9 stbr. Zur hiesigen Consumtion sind folglich noch verblieben 2 Viertel- 5½ hundert, diewelche, bei der jetzigen lage dem Vulcanus bald aufgeopfert seyn werden. Denn die starke wacht, welche dahier ist, und die gantze hubertus-Burg, außer dem Zimmer des Gärtners eingenommen, fängt wircklich an, die Öfens einzuheizen. Meine wohnung ist dermalen in dem Zimmer des P. Wendelin. ich glaube nicht, daß es lang dauren wird, so werde ich auch hieraus weggetrieben werden. O. Friede! Nie ist das wort: Krieg : so gehäßig geweßen als dermalen der – Friede. was wird denn doch endlich aus Uns werden? Zufolge des Aug. Monats–Actus ist der Zimmermann, welcher die Reparation an der Behausung zu Schlebuschrath unternohmen und bereits geendigt, mit 12 r.-7 stb.-8 hlr. – sodann der Maurer für die verfertigte Maur mit 13 r. ausbezahlt. Dermalen sind die Leiendecker mit der reparatur des Dachs und der Dachrinne beschäftigt, wenn solche fertig, so wird auch die, in beiden unter der Dachrinne befindlichen Zimmeren, zu machende Maurers und Pflästers Arbeit vorzunehmen seyn. Zu Ewer Hochwürden Exzellenz hohen Gnaden empfehle ich mich ganz gehorsamst, und ersterbe in tiefester

Ehrforcht              Ewer Hochwürden Exzellenz

Morsbroich d. 10ⁿ.                      unterthänig – treü – gehorsamster

7bris 1797.                                    diener

J.P. Linden

 

¹Hier ein hakenähnliches Zeichen auf der Schriftlinie, das las et cetera gelesen werden muss.

²Hier am Rand des Briefes ein Kanzleivermerk: ein Schrägstrich zwischen 2 Punkten mit der Bedeutung: Dieser     Teil ist wichtig!

³Abkürzung für Teutsch Ordens, der Deutsche Orden, wie es sich heute nennt, bezeichnete sich als „Teutsch“, ebenso wie viele Autoren andere damals Teutschland schrieben und „Teutscher Merkur“.

⁴Brabantischer Kronentaler: 1755 in den habsburgischen Niederlanden eingeführte Talermüntze. Der K. drang in    großer Zahl in die deutschen Staaten und Österreich ein und behauptete sich, da höherwertig, gegen den gleichzeitig umlaufenden Konventionstaler.

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