Antwort auf: Nr. 4a – 3. 11. 1795

Foren Lindenbriefe Morsbroich Nr. 4a – 3. 11. 1795 Antwort auf: Nr. 4a – 3. 11. 1795

#572

Hier hatten sich einige Hieroglyphen eingeschmuggelt

Außerdem habe ich noch ein paar Abkürzungen aufgelöst

zudem:

wüllne Scharze [wollenes Oberhemd/Schürze?]

Sauvegarden [Beschützer]

Alles wurde rot markiert

 

 

 

Nr. 4 a Historisches Archiv der Stadt Köln, St. Katharinen 49 a

Das P.S. 3. 11. 1795
Linden berichtet hier von den Plünderungen der bei Handschuhsheim geschlagenen französischen Truppen. Sie werden nur zaghaft verfolgt und ziehen sich nur in die Gegend von Düsseldorf und Benrath zurück. Die Gegend um Morsbroich herum, die schon bei dem wenige Wochen zuvor erlebten Vormarsch der Franzosen stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, wird jetzt erneut verheert. Viele Einwohner sind geflohen, die Zurückgebliebenen werden buchstäblich bis aufs letzte Hemd ausgeplündert. Die kaiserlichen Truppen, die von Süden her heranrücken, verhalten sich allerdings nicht viel besser. L. kann nach seinen eigenen Worten den größten Schaden vom Landgut des Deutschen Ordens abwenden.

Auch
Hochgebietender Gnädiger Herr!
Verbreitete sich schon vor etwa 14 Tagen das Gerücht: Die Franzosen seien in drobigen Gegenden bei Mannheim, Kassel und Ehrenbreitstein von den Kaiserlichen tüchtig geschlagen worden, ihre Armée sei ganz in Unordnung geraten und wirklich im Rückzuge begriffen. Das tägliche Wegbringen des unter Mülheim gestandenen sehr vielen Geschützes und Munitionswagen auf die andere Rheinseite, machte diese Nachricht sehr wahrscheinlich. Am 17n. in der Nacht kam an die seit dem 24n. 7bris dahier einquartierten 2 Officiere die Ordre zum Abmarsche. Beim Weggehen gestunden sie es mir, daß ihre Truppen eine große Niederlage erlitten hätten und zweifelsohne über den Rhein retiriren würden. Am 18n. wurde schon an die Bürgerschaft in Mülheim der Befehl erteilt, das dortige Magazin, um so gewisser noch nemlichen Tags über den Rhein zu schaffen, als ansonsten solches in Brand gesteckt werden sollte. Ganz Mülheim musste nun Hand ans Werk legen, und das Magazin wurde auch mit Nachen glücklich hinübergebracht.
Am 19n. marschirten wirklich viele Truppen [ergänzt] über die zu Köln befindlich stehend- und fliegende Brücke, und man glaubte, nun sicher zu seyn, daß die Hauptstärke der französischen Armée daselbst über den Rhein gehen würde. Seit dem 17n. waren die hiesigen Gegenden von Truppen ganz entblößt, und am 20n. verbreitete sich auf einmal die fröhliche Nachricht, daß in Zeit 24 Stunden die Preußen dahier einrücken und das Bergische Land in Schutz nehmen würden. 2 vorgebliche preußische Quartiermeisters /: vermutlich französische Spionen:/ hatten dahier im Amte sowohl als in mehreren anderen, die Quartiern für einige 100 Mann Preußen wirklich angekündigt und noch am selbigen Abends ließ mir der Vorstand zu Schlebusch bedeuten, daß anderten Morgens 8 Uhren ein preußischer [eingefügt] Officier mit 2 Gemeinen anhero würden einquartirt werden. Allein! Wir sahen uns bald getäuscht; anstatt deren Preußen lagerte sich schon gegen Mittag die französischen Armeen bei Deutz und Mülheim, Buchheim und Merheim und extendirte [ dehnte sich aus] sich am späten Abend noch bis Dünwald, sogar in Schlebusch waren an die 200 Cavalleristen einquartirt, Morsbroich blieb indessen diese Nacht frei von Einquartirung. Das dahier noch befindliche Bettzeuch, Leinen, Zinn und Kupfer ließ ich noch in der Nacht, an ein verborgenes Ort dahier im Hause, so gut es mir möglich war, in Verwahr bringen. Von einem Augenblick zum andern in der Nacht glaubte man die Mordbrenner schon am Tor zu hören; diese ging doch noch einmal so ziemlich ruhig vorbei. Beim anbrechenden Tage wollte ich eilends noch einige Sachen in den Busch verbergen, dies gelang mir auch noch. ich war kaum wieder aus dem Busch an der Cascade, als ich auf einmal 5 rother Husaren, in vollem Galoppe auf mich lossprengen sah, entkommen konnte ich ihnen menschlicher Weise nicht, Ein guter Schuzengel rettete mich. Ich sprang nur um die Ecke des Busches und stürzte mich in den darumb gehenden Graben. Kaum lag ich, so waren sie schon bei mir, und ritten mir so nahe vorbei, daß ich bei jedem Tritte glaubte, die Pferde hätten mir Kopf und Leib zertreten. 4mal ritten sie auf und ab, fluchten unaufhorlich, und waren umso verbitterter, als sie mich in dem Augenblicke sahen, wo ich ihnen entwischte; diese Kerls haben mir in der Tat den Todtsschweiß recht ausgetrieben und ich werde gewiss diese Stunde, und den 10n. 7ber nie vergessen. Da die Schurken mich nicht fanden, ritten sie auf Morsbroich zu; sie fanden aber das Tor geschlossen, und da es ihnen schon zu lang dauerte, ehe solches geöffnet wurde, schlugen sie die am Pfortestübgen befindliche Fenster in Stücken, und stiegen da hinein, inmittels vermehrte sich ihre Anzahl, sie gingen aufs Hau, Hubertiburg und allenthalben, durchwühlten alles, fanden aber wenig, was ihnen anständig war. Ein paar Bettlaken samt eines Küssenziech [Kissenbezug] von des Simons Bette, eine wüllne Scharze [wollenes Oberhemd/Schürze?] und ein Altartuch, sodann die silbern-übergoldete Küppe des zur Gezelini Kapelle gehörigen Kelchs /: dessen unterer Teil nebst der an Composition gemachten Monstranz hernechst in des Halfens Schweinsstall vorgefunden worden :/ wurden ihnen zur Beute. Dem Simon und Niclas wurden sogar ihre am Leib tragenden Hembder ausgezogen, was diese beiden am 10n. 7ber noch übrig behalten, und sich wieder angeschafft hatten, wurde ihnen diesmal noch mitgenommen. Bei dieser Retirade ist aufm Lande niemand, nicht einmal der Bettler verschonet worden. Hauptsächlich wurden diejenigen, welche bei der Ankunft der Franken wenig gelitten, diesmal um desto härter hergenommen. Auch d Hr. von Wyhe zu Reuschenberg büßte seinen Patriotismus teuer; nebst einer ansehnlichen Summe Geldes, verlor er auch alle seine Pferde und viele Meubles. Hr. Richter Schall wurde noch härter als vorhin betroffen, ich will ihm wenigsten den Schaden mit 2000 Gulden nicht ersetzen [i], er hatte sich tags zuvor mit seiner ganzen Familie weggemacht und alles im Stich gelassen. – Dem Hrn. Vogt Aschenbroich zu Monheim, der bei der Ankunft der Carmagnols [ii] unverletzt davon gekommen; gings bei der Retirade um desto schlimmer; nur noch einen alten Rock und 1 Hembd behielt er. Auch die Contributions-Summe von 3000 Rtlr., so bei ihm erlegt war und durch die Sauvegarden [Beschützer] selbst verrathen wurde, wurde ihnen zur Beute. In Mülheim hatten die Schurken auch schon beim Abziehen der Armée mit Plündern angefangen, als gleich dem General Laballe nachgeeilt wurde, derselbe auch zurückkam und einen der Räuber auf der Stelle erstach, zween andere so zusammenhieb, daß sie nie mehr rauben werden. Es blieb indessen, leider! an diesem Tage nicht bloß beim Plündern, sondern es musste auch brennen. Mit eigenen Augen sah ich in einer Stunde 3 Höfe und 4 Baurenhäusger in Flammen. Unter den Höfen sind 2 Rittergüter, ohnweit Opladen gelegen, eines das Haus Dückenburg genannt, dem Hn. von Spies zugehörig, das andre den Velbruckischen Erben gehörig; an diesem [eingefügt] /:das Haus Vorst genannt:/ war ein hoher Turm, worauf vielen Leute und Effecten geflüchtet waren. Da die Mordbrenner den Turm nicht ersteigen konnten, so legten sie Feuer an. Die armen Leute mussten also aus den Fenstern dieses sehr hohen Turms, um ihr Leben wenigst in etwa zu retten, hinausspringen, ein Mann und alle Meubles wurden ein Raub der Flammen. Nach 12 Uhr sah man keinen Franzosen mehr: die Armée marschirte bis in die Gegend von Düsseldorf, wo sie noch bis diese Stunde ist. Ihre Vorposten gehen bis Benrath. Wehe DDorf und der dasigen Gegend, denn es scheint, daß sie sich dort noch halten wollen, sie haben sich sehr verschanzt, die schönsten Bäume abgehauen und die Wege damit verrammelt, und fangen wirklich an, alle nur wegzuführenden Sachen über den Rhein zu transportiren; fast unbegreiflich ist der Rückzug der französischen Armee, ohne vom Feind im mindesten verfolgt zu werden. Erst am 25n. sah man eine Division von Barco-Husaren, etwa 150 Mann stark, dahier vorbei, nacher Opladen marschiren. Dies machte nun zwarn wieder ein wenig guten Muts, allein, nach 2 Stunden kamen sie schon wieder zurück. Ich befragte die Officiers, um die Ursache davon. Sie antworteten, daß sie /:ohne jedoch, daß mit dem Feinde etwas widriges vorgefallen sei :/ Contre-Ordres erhalten hätten und nach Mülheim müssten. Eine Sauvegarde, so Hr. Schall in seinem Hause hatte, wurde auch gleich hernach einberufen. Nun fing das Heulen, Jammer und Elend erst recht an. Alles machte sich schon gleich zur Flucht bereit, sogar diejenigen, die nicht manchen Kreuzer zu verlieren hatten, machten sich aus dem Staube. Niemand glaubte sich beim nochmaligen Vorrucken der Franzosen, seines Lebens mehr sicher, und zwarn aus der ganz gegründeten Ursache, weilen bei der Retirade in verschiedenen Dorfschaften, mancher Frank des Bauren Wut hat unterligen und sein Leben einbüßen müssen. Ganze Familien, alte Greise und Kinder sah man die ganze Nacht hindurch und des anderten Morgens dahier passiren, sogar halb toten Menschen ließen sich auf Karrigen wegführen. Die jüngsthin noch übrig gebliebenen wenigen Pferde, Hornvieh, Schaf und Schweine, überhaupt alles, wurde eiligst weggetrieben, In allen zwischen Benrath und Mülheim liegenden Dorfschaften und Höfen sind gewiss keine 50 Menschen und keine 10 Stücke Vieh rückgeblieben. Auch die hiesigen Hausgenossen machten sich frühzeitig aus dem Staube, und es ist in der Tat auch niemanden zu verargen, denn man hat nichts gewisseres zu erwarten, als daß man zuerst ganz nackend ausgezogen – und dann auch noch misshandelt, oder gar ums Leben gebracht wird.
Sogar die 2 alten Krüppeln, Simon und Niclas /: für welche ich eine Karrich nicht beischaffen konnte :/ flüchteten sich zu Fuß, und zwarn letzterer auf Dünnwald und 1terer nach Schlebusch. Gott! welch ein Zustand: Ich war noch alleine hier nebst der Frau des Schreiners und wartete nun schon zum drittenmal die Ungeheuer ab, sie blieben aber /: Gott lob :/ aus, und ich erhielt gegen Mittag, ein Schreiben aus Opladen, daß die französischen Vorposten noch bei Benrath stünden und sich weiter noch nicht hätten sehen lassen. – Am 27n. wagte sich eine kaiserliche Patrouille von etwa 30 Mann, bis durch Opladen, sie waren kaum da, so wurden sie von einer französischen Patrouille von etlichen 40 Mann bis auf die Schlebuscher Heide zurückgetrieben. Drei deren französischen Husaren kamen hier ans Tor, forderten Wein, Bier und Brandewein; ich konnte ihnen aber mit keinem Teile andienen, sie ritten also, jedoch ohne Exzessen zu machen, wieder weg. Seitdem hat sich zwarn kein Frank mehr dahier sehen lassen, indessen ist man doch weder bei Tag noch bei der Nacht vor neuen Überfälle, neuen Plünderungen und vor sein Leben selbst nicht sicher gestellt. Die kaiserlichen Patrouillen, die meistens aus Husaren von Büssy und Rohan bestehen, lassen den Franzosen im Rauben und Stehlen wenig nach, sie verstehens, sogar am hellen Tage und auf öffentlichen Straßen, schier eben so meisterlich, wie jene. Aus Düsseldorf und der dasigen Gegend lassen die Franzosen alle nur wegzubringenden Sachen über den Rhein transportiren; Ihre da gestanden Cavallerie ist gestern die Neußer Straß hinauf zu, vermutlich gegen Mainz marschirt, woselbst General Clairfait die Carmagnols aus ihren Verschanzungen getrieben- auch jene zu Neuwied per Capitulation eingenommen haben solle. Sollte sich diese Nachricht bestätigen und die kaiserlichen Waffen ihre Siege so fortsetzen, so dörften wohl beide Rhein-Ufern von den Carmagnols in Kurzem wieder gesäubert seyn, widrigenfalls werden wir wohl, auf dieser Seite, wohl bald wieder in dem nehmlichen Stande uns befinden, in welchem wir vor 2 Monaten noch waren. Der Himmel wolle doch endlich einmal uns unglücklichen wieder eine ruhige Stunde geben, denn bei einer solchen Lage, wie die jetzige zeithero gewesen – und noch wirklich ist, muß auch der Stärkste seine Geistes- und Leibs-kräfte verlieren, und vor Elend verschmachten. Nie werden alle die Greuel-, Mord- und Schandtaten, welche die Unmenschen, nebst dem unerhörten Rauben und Plündern, in dem armen Bergischen Lande ausüben, hinlänglich geschildert werden. Ich selbst bin schon 2mal Augenzeuge davon, daß sie ein Weibsbild auf öffentlicher Straße notzüchtigten. Sollte die Räuber-Armée noch einmal, wie sehr zu beförchten ist, wieder avanciren, so förchte ich, mehr wie jemal, für das ganze Bergische, wo sie nur hinkommen wird, besonders fürs Sengen, Morden und Brennen. Morsbroich und die übrigen in hiesiger Nachbarschaft gelegenen Hochdero Häuser und Büschen, sind bis herzu noch in Suo esse [= in ihrem Stand], Der liebe Gott wird sie hoffentlich auch noch ferner mildväterlich erhalten. Ich ersterbe uti in litteris Morsbroich, den 3ten 9bris 1795
untertg. treü gehorsamster
L. [Schnörkel]
[i] Unverständliche Aussage, sie ist wahrscheinlich zurück zu führen auf einen Hörfehler beim Kopieren des Originalbriefs. Möglicherweise stand hier etwas wie „ich will seinen Schaden auf mindestens 2000 Gulden schätzen“.
[ii] Carmagnoles – Bezeichnung für die revolutionären Franzosen, ähnlich in der Bedeutung wie Sansculottes, von Linden abschätzig

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