Antwort auf: Nr. 6 – 13. 12. 1795

Foren Lindenbriefe Morsbroich Nr. 6 – 13. 12. 1795 Antwort auf: Nr. 6 – 13. 12. 1795

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Nr. 6                                                                                                             1795 Dezember 13

 

 

 

Linden berichtet von den militärischen Auseinandersetzungen der letzten Wochen. Dabei kommt es zu weiteren Zerstörungen durch die französischen Revolutionstruppen. Die noch verbliebenen Einrich-tungsgegenstände des Schlosses und der Gezelinkapelle werden mutwillig zerstört, die Bauern der Nachbarschaft ausgeplündert. In den letzten Tagen treffen wiederholt die feindlichen Patrouillen in der Umgebung aufeinander.

 

Historisches Archiv der Stadt Köln, St. Katharinen 49 a

 

Auch Hochgebietend-gnädiger Herr!

 

Muß Euer Hochwürden Exzellenz hiermit leider! die unangenehme Nachricht mitteilen, daß der 7e. und 8e., sodann der 22te. und 23te. vorigen Monats, für die hiesigen unglücklichen Gegenden und derselben Bewohner abermalen sehr verderbliche und schröckbare Täge waren. An beiden ersteren nehmlich /: da man schon einige Täge hindurch keine französische Truppen mehr wahrgenohmen, auch alle von Düsseldorff kommenden Nachrichten dahin übereinstimmten, daß daselbst nur noch ein paar hundert Mann sich befänden :/ ruckte plözlich und gegen alles Vermuthen, eine 20- bis 21000 Mann starke Armée unter Commando des Generals le Febre wieder vor gegen die Sieg zu. Ein zwischen Mülheim und Buchheim gestandenes Kaiserles. Piquet von 130 Mann Barcoscher Husaren wurde schon morgens fruh beim Aufstehen von etlichen hundert französ. Husaren und Chasseures

abgeschnitten und umzingelt, focht sich jedoch mit der entschlossensten Tapferkeit durch, und verlohr nur 5 Mann, die zu Gefangenen gemacht wurden. Zum Unglücke für hiesiges Haus lagerte

die Armée so wohl beim Avanciren als Retiriren in hiesiger Nachbarschaft, und zwarn zuerst auf der Bürricher- und hernach auf der Schlebuscher Heide. Haufenweis, nicht nur mit Hunderten, sondern mit Tausenden strömten nun die unbändigen Räuber-Horden auf Morsbroich los; Tag und Nacht wurden dazu gebraucht, um alle Hüttger auf- und durchzusuchen, sogar die Gebünder aufm Haus- und Haberspeicher /: unter welchen besonders die hiesigen Hausgenossen noch verschiedene Sachen verborgen hatten :/ wurden, vielleicht durch Verrätherei, erbrochen und den Räuberen alles zur Beute. Da ich von den dahier noch vorrätigen Bettungen, die besten, noch eiligst in der Nacht, teils in hiesiger Nachbarschaft bei einem Bauren, teils auf einer Karrig /: welcher sich eins die beiden Simon und Niclas bedienten :/ nacher Mülheim bringen – auch noch verschiedenes Zinn- und Kupferwerck hatte ich auf Seit bringen lassen, mithin die Räuber mit den noch vorgefundenen wenigen Meubles ihre Raubsucht nicht hinlänglich stillen konten, so fingen sie an ihre Bosheit an den Spiegelen und Portraits auszugießen. Erstere wurden, außer dreien, alle in Stücken zerschlagen. Der letzteren wurden 9 /: worunter die Kaiserin Mar. Teres., der letztverstorbene König von Preußen, Kaiser Franz I., Josef

II,  S.- jezt regierende Hoch- und  Deutschmsterl.  Kurfln. Dhlt.,  der hochseel. Hr. Landkomthur Frhr. von Droste, die verwittibte Churfürstin von Bayern, der Baierschen Kaiserinn Schwester, und die Herzogin Clementine :/ durch Hiebe und Stiche beschädiget, die beiden erstern sind am schlimmsten zugerüstet. Nicht einmal das unschuldige Vieh wurden geschonet. Das noch vorrätige Federvieh als Pfauen, Pfasanen, welsche- und gemeine Hüner und Enten wurden geköpft und zerhauen. Sogar kein einziges Vögelchen wurde geschonet. Wer kann sich wohl was Absurderes denken. Der hiesige Halfen, welcher sich schon seit 4 Wochen mit seiner ganzen Haushaltung, außer ein paar Dienstboten, auf der Flucht befindet, mußte auch 9 Stück Rindvieh, die er dahier zurückgelassen hatte, einbüßen. Diese wurden auf einmal abgeschlachtet. So erging es fast allem Vieh, welches der Baursmann in der Hofnung, daß nichts mehr zu beförchten sei, sich wieder angeschafft hatte, und wegen der so unvermutheten als plözlichen Ruckkehr der französn. Armée nicht mehr auf Seit bringen konte.  Ein französr. Offizier hat wohl die Wahrheit gesprochen, da er mir ohnlängst zu verstehen gab, daß das Bergische Land völlig zu grund gerichtet werden solte und würde, denn wircklich heißt es schon wieder, daß eine neue Contributions-Forderung, die die vorige noch übersteigen solle, unter der Presse sei;  das Elend ist glatterdings unbeschreiblich ohne des grausamen Schreckens zu gedencken, den man noch dabei auszustehen hat. Die arme Freiheit und Gleichheit sieht man ebenso aus den Augen des Reichen als des Armen, des Bürgers sowie des Landmanns ohne Ausnahm hervorleuchten. Bei der traurigen Lage, worinn mich das Schicksaal versetzte, muss ich nun auch noch das Unheil haben, daß der qs [?] Wagen-General Duvignot, der jetzt in Köln Commandirender ist zufolg eines von demselben an Hn. Sindicus Doleschall abgefertigten – und von diesem mir vorgezeigten Schreibens, mich, aus Ursache der von mir geschehenen Arretirung des Wagens, allenthalben aufsuchen, nacher Köln führen, auf eine delicate Art bestrafen somit belehren wolle, was es sei: einen General von so einer erhabenen Nation zu attaquiren: Dies sind seine eigenen ausdrucksstarcke Drohungen!  Erhabene Nation ! Die Maas- und Sambre-Armée hat nun zwar das diesseitige Rhein Ufer verlassen, ist bei Düsseldorf den Rhein passirt und will den Arméen deren Generals Pichegru und Jourdan zu Hilfe eilen, hingegen ist auch wircklich von der Nord-armée eine Division von 10 bis 11000 Mann an die Stelle der erstern, bei DDorf eingeruckt. Die Vorposten stehen zu Benrath. Die Patrouillen  kommen fast täglich bis Opladen, Schlebuschrath, Küpperstech und Wisdorf. Auch die kaiserlen. Patrouillen reiten täglich bis Mülheim, Schlebusch, auch wohl bisweilen bis Opladen, und nachdem sie diese Gegenden recognoscirt haben, machen sie sich wieder in ihre  Standquartiere zu Ehl und Urbach. Gestern wurde eine kaiserle. Patrouille von 5 Mann Barcoscher Husaren, nehmlich 1 Corporal und 4. Gemeine, beim Oplader[1] Busch, von 28 französn. Dragonern erwischt, mehr als heldenmäßig fochten die ersteren, und kamen glücklich durch, außer dem Corporal, welcher, nachdem er einem Officier die vorderen 3. Finger abgehauen – und noch 5 Gemeine starck blessiert hatte, durch einen Hieb in die rechte Hand so lediert wurde, daß er seinen Sabel mußte im Stich lassen, und dann erst wehrlos zum Gefangenen gemacht wurde. Heute werden die Kaiserlichn. 2 Brücken über die Acher[2] fertig bringen, und dann soll, wie es heißt, eine zimlich beträchtliche Armée gegen Düsseldorff vorrucken. Vix Credo.[3] Noch immer schwebt man also zwischen Hangen und Würgen. Die Rheinpassage ist wieder gehemmt. Der schwarze Brand ist auf dieser Seite gar nicht zu haben, ein Glück, daß der Winter bis herzu so leidentlich ist. Ich werde mit dem Einheizen so zu menagiren[4] suchen, daß ich mit dem, von vorigem Jahr noch vorrätigen schwarzen Brand, und dem Spelterholtz /: welches ich dem Hrn. Emmerich noch geschwind weggefuscht und verborgen hatte :/  beinahe durchkomen werde. Herr Dinger Schall, der mit seiner Famille schon 4 Wochen lang emigrirt – auch noch nicht ruckgekommen ist, hat bei dem jüngern Retiriren der Armée auch wieder vieles eingebüßt; zwei bis dahin noch unversehrt gebliebene Verbergnisse, worinn Geld, Silber und die besten Kleidungen gewesen seyn sollen, wurden entdeckt, auch fast alle übrigen Effecten in Stücke zerschlagen. Die Fenstern am dasigen Hause haben auch zimlich herhalten  müssen. In der Pfarrkirche daselbst wurden auch viele darinn geflüchteten Meubles von den Räuberen entdeckt, und die Altäre so ruinirt, daß binnen 3 Wochen keine Messe daselbst gelesen worden. Der Himmel ändere doch diese traurigen Zeiten!

Ich ersterbe uti in litt: Mbroich

 

Den 13ten Xbris 1795 unterthänist-treu gehorsamer Linden

 

[1] Die Schreibung verrät die Ortsunkenntnis des süddeutschen Briefkopisten.
[2] Gemeint ist hier siecherlich die Agger.
[3] Ich glaub’s bald.
[4] Franz.: einrichten.

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