Antwort auf: Nr. 4a – 3. 11. 1795

Foren Lindenbriefe Morsbroich Nr. 4a – 3. 11. 1795 Antwort auf: Nr. 4a – 3. 11. 1795

#680

Nr. 4 a

 

Historisches Archiv der Stadt Köln, St. Katharinen 49 a

 

Linden berichtet in dem Postskript von Gerüchten über eine schwere Niederlage der Franzosen. Er beobachtet auch Rückzugsbewegungen der französischen Armee über den Rhein, aber da die kaiserliche Armee nur sehr zögerlich nachsetzt, wird die Gegend um das Schloss wiederholt von beiden Seiten heimgesucht. Linden versucht einiges aus dem Schlossinventar zu verstecken, dabei wird er jedoch von französischen Dragonern gestört, ohne dass sie ihn entdecken. Andere Schlossbewohner haben nicht so viel Glück, die beiden Diener auf Morsbroich werden buchstäblich bis aufs Hemd ausgezogen. Die Zerstörungen werden in brutaler Weise fortgesetzt, das ganze Land gerät in Panik. Die Menschen versuchen sich vor den Plündereien und Brandschatzungen in Sicherheit zu bringen.

 

 

P.S. 3. 11. 1795

 

Auch

Hochgebietender Gnädiger Herr!

Verbreitete sich schon vor etwa 14 Tagen das Gerücht: die Franzosen seien in drobigen Gegenden bei Manheim, Kassel und Ehrenbreitstein von den Kaiserln. tüchtig geschlagen worden, ihre Armée seie ganz in Unordnung gerathen und wircklich im Rückzuge begriffen.[1]

Das tägliche Wegbringen des unter Mülheim gestandenen sehr vielen Geschützes und Munitionswägen, auf die andere Rheinseite, machte diese Nachricht sehr wahrscheinlich. Am 17n. in der Nacht kam an die, seit dem 24n. 7bris dahier einquartierten 2 Officiere die Ordre zum Abmarsche, Beim Weggehen gestunden sie es mir, daß ihre Truppen eine große Niederlage erlitten hätten und zwei­felsohne über den Rhein retiriren würden. Am 18n. wurde schon an die Bürgerschaft in Mülheim der Befehl erteilt, das dortige Magazin, um so gewisser noch nemli­chen Tags über den Rhein zu schaffen, als ansonsten sol­ches in Brand gesteckt werden solte. Ganz Mülheim musste nun Hand ans Werck legen, und das Magazin wurde auch mit Nachen glücklich hinübergebracht.‑

Am 19n. marschirten wircklich viele Truppen [ergänzt] über die zu Köln befindlich stehend- und fliegende Brucken, und man glaubte, nun sicher zu seyn, daß die Hauptstärcke der franz. Armée daselbst über den Rhein gehen würde. Seit dem 17n., waren die hiesigen Gegenden von Truppen ganz entblößt, und am 20n. verbreitete sich auf einmal die fröhliche Nachricht, daß in Zeit 24 Stund. die Preußen dahier einrucken – und das Bergische Land in Schutz nehmen würden. 2 vorgebliche preußische Quar­tiermeisters /: vermutlich französische Spionen:/ hatten dahier im Amte sowohl als in mehreren Anderen, die Quar­tiern für einige 100 Mann Preußen wircklich angekündigt, und noch am selbigen Abends ließ mir der Vorstand zu Schlebusch bedeuten, daß anderten Morgens 8 Uhren Ein preußischer [eingefügt]  Officier mit 2 Gemeinen anhero würden ein­quartiret werden. Allein! wir sahen uns bald getäuscht; anstatt deren Preußen lagerte sich, schon gegen Mittag die franz. Arméen bei Deuz und Mülheim, Buchheim und Merheim und extendirte [2] sich am späten Abend noch bis Dünwald, sogar in Schlebusch waren an die 200 Cavalleristen einquartirt, Morsbroich blieb indessen diese Nacht frei von Einquartirung. Das dahier noch befindliche Bettzeuch, Leinen, Zinn und Kup­fer ließ ich noch in der Nacht, an ein verborgenes Ort dahier im Hause, so gut es mir möglich war, in Verwahr bringen. Von einem Augenblicke zum andern in der Nacht glaubte man die Mordbrenner schon am Thor zu hören; diese ging doch noch einmal so zimlich ruhig vorbei. Beim anbrechenden Tage wolte ich eilends noch einige Sachen in den Busch verbergen, dies gelang mir auch noch. Ich war kaum wieder aus dem Busch an der Casca­de, als ich auf einmal 5 rother Husaren, in vollem Galoppe auf mich lossprengen sah, entkommen konte ich ihnen, menschlicherweise, nicht, Ein guter Schuzengel rettete mich. Ich sprang nur um die Ecke des Busches und stürzte mich in den darumb gehenden Graben. Kaum lag ich, so waren sie schon bei mir, und ritten mir so nahe vorbei, daß ich bei jedem Tritte glaubte, die Pferde hätten mir Kopf und Leib zertretten. 4mal ritten sie auf und ab, fluchten unaufhorlich, und waren umso verbitterter, als sie mich in dem Augenblicke sahen, wo ich ihnen entwischte; diese Kerls haben mir in der That den Todtsschweiß recht ausge­trieben und ich werd gewis dise Stunde, und den 10n. 7ber nie vergessen. Da die Schurken mich nicht fanden, ritten sie auf Morsbroich zu; sie fanden aber das Thor geschlossen, und da es ihnen schon zu lang dauerte, ehe solches geöffnet wurde, schlugen sie die am Pfortestübgen befindliche Fenster in Stücken, und stiegen da hinein, inmittels vermehrte sich ihre Anzahl, sie gingen aufs Haus, Hubertiburg und allenthalben, durchwühlten alles, fanden aber wenig, was ihnen anständig war. Ein paar Bettlaken samt eines Küßenziech [3]von des Simons Bette, eine wüllne Scharze[4] und ein Altartuch, sodan die silbern-übergoldete Küppe des zur Gezelini Kapelle gehörigen Kelchs /: dessen unterer Theil nebst der an Composition gemachten Monstranz hernechst in des Halfens Schweinsstall vorgefunden worden :/ wurden ihnen zur Beute. Dem Simon und Niclas wurden sogar ihre am Leib tragenden Hembder ausgezogen, was diese beiden am 10n. 7ber noch übrig behalten, und sich wieder ange­schaft hatten, wurde ihnen diesmal noch mitgenohmen. Bei dieser Retirade ist aufm Lande niemand, nicht einmal der Bettler verschonet worden, hauptsächlich wurden die­jenigen, welche bei der Ankunft der Franken wenig gelit­ten, diesmal um desto härter hergenohmen. Auch dHr. von Wyhe zu Reuschenberg büßte seinen Patriotismus theuer; nebst einer ansehnlichen Summe Geldes, verlohr er auch alle seine Pferde und viele Meubles. Hr. Richter Schall wurde noch härter als vorhin betroffen, ich will ihm wenig­sten den Schaden mit 2000 Gulden nicht ersetzen,[5] er hatte sich tags zuvor mit seiner ganzen Familie weggemacht und alles im Stich gelassen. – Dem Hrn. Vogt Aschenbroich zu Monheim, der bei der Ankunft der Carmagnols unverletzt davon gekommen; gings bei der Reti­rade um desto schlimmer; nur noch einen alten Rock und 1 Hembd behielt er. Auch die Contributions Summe von 3000 rtr., so bei ihm erlegt war und durch die Sauve­garden selbst verrathen wurde, wurde ihnen zur Beute. In Mülheim hatten die Schurken auch schon beim Abziehen der Armée mit plündern angefangen, als gleich dem Gene­ral Lavalle nachgeeilet wurde, derselbe auch zurukkam, und einen der Räuber auf der Stelle erstach, zween andere so zusammen hieb, daß sie nie mehr rauben werden. Es blieb indessen, leider! an diesem Tage nicht blos beim Plün­dern, sondern es musste auch brennen. mit eigenen Augen sah ich in einer Stunde 3 Höfe und 4 Baurenhäusger in Flammen. unter den Höfen sind 2 Rit­tergüter, ohnweit Opladen gelegen, eines das Haus Dückenburg genannt, dem Hn. von Spies zugehörig, das andre den Velbruckischen Erben gehörig; an diesem /:das Haus Vorst genannt:/ war ein hoher Thurn, worauf vielen Leute und Effecten geflüchtet waren. Da die Mordbrenner den Thurn nicht ersteigen konten, so legten sie Feur an. Die armen Leute mussten also aus den Fenstern dieses sehr hohen Thurns, um ihr Leben wenigst in etwa zu retten, hinausspringen, ein Mann und alle Meubles wurden ein Raub der Flammen. Nach 12 Uhren sah man keinen Franzosen mehr: die Armée marschirte bis in die Gegend von Düsseldorf, wo sie noch bis diese Stunde ist. Ihre Vorpo­sten gehen bis Benrath. Wehe DDorf und der dasigen Gegend, denn es scheint, daß sie sich dort noch halten wollen, sie haben sich sehr verschanzt, die schönsten Bäume abgehauen und die Weege damit verrammelt, und fangen wircklich an, alle nur wegzuführenden Sachen über den Rhein zu transportiren; fast unbegreiflich ist der Ruck­zug der franz. Armee, ohne vom Feind im mindesten ver­folgt zu werden. Erst am 25n. sah man eine Division von Barco Husaren, etwa 150 Mann stark, dahier vorbei, nacher Opladen marschiren. Dies machte nun zwarn wieder ein wenig guten Muths, allein, nach 2 Stunden kamen sie schon wieder zuruck. Ich befragte die Officiers, um die Ursache davon. Sie antworteten, daß sie /:ohne jedoch, daß mit dem Feinde etwas widriges vorgefallen sei :/ contre Ordres erhalten hätten und nach Mülheim müssten. Eine Sauvegarde, so Hr. Schall in seinem Hause hatte, wurde auch gleich hernach einberu­fen. Nun fing das Heulen, Jammer und Elend erst recht an. Alles machte sich schon gleich zur Flucht bereit, sogar diejenigen, die nicht manchen Kreuzer zu verliehren hatten, machten sich aus dem Staube. Niemand glaubte sich, beim nochmaligen Vorrucken der Franzos., seines Lebens mehr sicher, und zwarn aus der ganz gegründeten Ursache, weilen bei der Retirade in verschiedenen Dorfschaften, mancher Franck des Bauren Wuth hat unterligen und sein Leben einbüßen müssen. Ganze Familien, alte Greise und Kinder sah man die ganze Nacht hindurch und des anderten Morgens dahier passiren, sogar halb todten Menschen ließen sich auf Karri­gen wegführen. Die jüngsthin noch übrig gebliebenen wenigen Pferde, Hornvieh, Schaaf und Schweine, über­haupt alles, wurde eiligst weggetrieben, In allen zwischen Benrath und Mülheim liegenden Dorfschaften und Höfen sind gewiss keine 50 Menschen und keine 10 Stücke Vieh ruckgeblieben. Auch die hiesigen Hausgenossen machten sich frühzeitig aus dem Staube, und es ist in der That auch Niemanden zu verargen, denn man hat nichts Gewisseres zu erwarten, als daß man zuerst ganz nackend ausgezogen – und dann auch noch misshandelt, oder gar ums Leben gebracht wird.

Sogar die 2 alten Krüppeln, Simon und Niclas /: für welche ich eine Karrich nicht beischaffen konte :/ flüchteten sich zu Fuß, und zwarn letzterer auf Dünnwald und 1terer nach Schlebusch. Gott! welch ein Zustand: Ich war noch alleine hier nebst der Frau des Schreiners, und wartete nun schon zum drittenmal die Ungeheuer ab, sie blieben aber /: Gott lob :/ aus, und ich erhielt gegen Mittag, ein Schreiben aus Opladen, daß die franz. Vorposten noch bei Benrath stünden und sich weiter noch nicht hätten sehen lassen. – Am 27n. wagte sich eine kaiserl. Patrouille von etwa 30 Mann, bis durch Opladen, sie waren kaum da, so wur­den sie von einer französ. Patrouille von etlichen 40 Mann bis auf die Schlebuscher Heide zurückgetrieben. Drei deren französ. Husaren kamen hier ans Thor, forder­ten Wein, Bier und Brandewein; ich konte ihnen aber mit keinem Theile andienen, sie ritten also, jedoch ohne Exzessen zu machen, wieder weg. Seitdem hat sich zwarn kein Franck mehr dahier sehen lassen, indessen ist man doch weder bei Tag noch bei der Nacht vor neun Überfälle, neun Plünderungen und vor sein Leben selbst nicht sicher gestellt. Die kaiserln. Patrouillen, die meistens aus Hu­saren von Büssy und Rohan bestehen, lassen den Franzo­sen im Rauben und Stehlen wenig nach, sie verstehens, sogar am hellen Tage und auf öffentlichen Straßen, schier eben so meisterlich, wie jene. Aus Düsseldorf und der dasi­gen Gegend lassen die Franzosen alle nur wegzubringen­den Sachen über den Rhein transportiren; ihre da gestande­n Cavallerie ist gestern die Neußer Straß hinauf zu, ver­muthlich gegen Mainz marschirt, woselbst General Clairfait die Carmagnols aus ihren Verschanzungen getrieben- auch jene zu Neuwied per Capitulation eingenommen haben solle. Solte sich diese Nachricht bestättigen und die k. Waffen ihre Siege so fortsetzen, so dörften wohl beide Rhein Ufern von den Carmagnols in Kurzem wieder gesäubert seyn, widrigenfalls werden wir wohl, auf dieser Seite, wohl bald wieder in dem nehmlichen Stande uns befinden, in welchem wir vor 2 Monaten noch waren. Der Himmel wolle doch endlich einmal uns unglücklichen wie­der eine ruhige Stunde geben, denn bei einer solchen Lage, wie die jetzige zeithero gewesen – und noch wirklich ist, muß auch der Stärckste seine Geistes- und Leibs-kräfte verliehren, und vor Elend verschmachten. Nie werden alle die Gräuel-, Mord- und Schandthaten, welche die Unmen­schen, nebst dem unerhörten Rauben und Plündern, in dem armen Bergischen Lande ausüben, hinlänglich geschildert werden. Ich selbst bin schon 2mal Augenzeug davon, daß sie ein Weibsbild auf öffentlicher Straße nothzüchtigten. Solte die Raauber Armée noch einmahl, wie sehr zu beförch­ten ist, wieder avanciren, so förchte ich, mehr wie jemal, für das ganze Bergische, wo sie nur hinkommen wird, besonders fürs Sengen, Morden und Brennen. Morsbroich und die übrigen in hiesiger Nachbarschaft gelegenen Hoch­dero Häuser und Büschen, sind bis herzu noch in Suo esse [6], Der liebe Gott wird sie hoffentlich auch noch ferner mildväterlich erhalten. Ich ersterbe uti in litt.

 

Morsbroich, den 3ten 9bris 1795

 

untertg. treu gehorsamster

L.

[1] Linden hat hier von dem Sieg des Generals Clerfait bei Handschuhsheim gehört.
[2] Dehnte sich aus.
[3] Kissenbezug.
[4] Verschrieben: Schürze,
[5] Diese Bemerkung ist unverständlich.
[6] In ihrem Stand.

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