Antwort auf: Nr.1 – 16.9.1795

Foren Lindenbriefe Morsbroich Nr.1 – 16.9.1795 Antwort auf: Nr.1 – 16.9.1795

#689

Nr. 1

Historisches Archiv der Stadt Köln, St. Katharinen 49 a

1795, September 16

 

Der Verwalter des Deutschordensschlosses Morsbroich schildert eine Woche nach den Ereignissen den Einmarsch der französischen Revolutionstruppen ins Bergische Land. Er berichtet von den militärischen Ereignissen und den Plünderungen und Zerstörungen durch die Soldateska. Er hat versucht, die Schäden möglichst gering zu halten, indem er wertvolle Teile der Ausstattung des Schlosses in noch nicht vom Krieg erfasste Gebiete bringen lässt.

 

 

Hochwürdig-Hochwohlgebohrener Freiherr,

Insonderst Hochzuverehrendester Herr Landkommenthür,

Mein gnädiger Herr!

Eüer Hochwürden Exzellenz hab ich zwarn schon unterm 9n. dießes die traurige Nachricht mitgeteilet, daß – und welcher gestalten in der Nacht vom 5n. auf den 6n. die Französische Armee den Rhein passiret seie; da ich aber zweifle, daß Hochdenenselben mein Schreiben zu Hohen Händen gekommen seyn werde, so wiederhole ich hiemit kürzlich den Gehalt desselben. Am vorigen Sontage gegen 9 Uhren streüte das Gerücht aus: die Franken seien um Mitternacht, etwan 250. Mann starck, mit 8 Schiffen im Hamm oberhalb Düsseldorff den Rhein passiret, hätten die k : k : [kaiserlich-königlich = österreichischen] Vorposten schlafend errascht [sic! = überrascht], eine Compagnie v. Kinski im Busch eingeschloßen und zu gefangenen gemacht, 6 Kanonen erbeütet, und wircklich auf dieser Seite Posto gefaßt.

So unglaublich nun auch diese Nachricht gleich anfangs schiene, weilen der Übergang zwischen beiden k : k : Lageren geschehen seyn solte, so wahrscheinlicher wurde sie, als Nachmittags Hr. Kettner von Opladen wircklich mit einem Wagen – und Hr. Gschr. [Gerichtsschreiber] Steffens zu pferde sich hierhin flüchteten, um um [fehlerhafte Wortwiederholung am Seitenende] bei zunehmender Gefahr derselben desto sicherer entgehen zu können. 1.terer ritte wieder zuruck, um sich über die Lage der sache genauer zu erkundigen, und wolte, im fall der Gefahr, noch nehmlichen Abends retourniren und mich avisieren. Letzterer aber machte sich mit beiden Hn. Hofrathen Schüller und von Welter samt Sohn auf die flucht nach Arensberg. ich ließ sodann auch Vorsichts halber das beste Leinewand und das Silberwerck einpacken, und ich selbst beschäftigte mich sofort mit Einpackung der hiesigen Registratur. Da Hr. Kettner des Abends nicht retournirte, so glaubte Man, daß die Forcht eitel gewesen seie. Allein dieser kame das Nachts gegen 11. Uhren, ließe seinen Wagen gleich einspannen, machte die gefahr sehr groß, und gab sich auf die flucht. ich ließe nun auch die eingepackten Sachen ohnverzüglich aufladen. während dem aber kam schon die [ eingeschoben: jedoch unwahre] Nachricht, daß die Franzoßen wircklich aufm Schlangenhecker Hofe arriviret wären. es bliebe nun weiter nichts übrig, alß die bereits aufgeladenen Sachen, mit denen 2 Schäkken und einem dazu bestellten pferde des Schlangenhecker Halfens sogleich zum Thor hinaus, und zwarn ins Preüßische abzuschicken. So gerne ich nun auch noch ein Mehreres,  z : B :, Die Kirchen Paramenten von Köln, samt einem Verschlag mit Rechnungen, dem Berchengarn und den Gewehren mitabgeschickt hätte, so ware mir dies jedoch teils aus gegründeter Forcht, daß das Eine mit dem andern den Franzoßen unter weegs in die Hände fallen mögte, teils daß noch gar die retirirenden Kaiserlichen /: wie leider schon oft geschehen :/ eine plünderung vornehmen – oder doch die pferde ausspannen und mitnehmen würden, allzu bedenklich und gefährlich. Man erwartete nun zaghaft, von stund zu stunde, die Ankunft der Franken, der 7te. und 8te. gingen vorbei, ohne daß was anders geschahe, als daß die Käiserln. in schönster Ordnung mit Sack und pack retirirten. Am 9ten. gegen 9. Uhren Morgens finge zwischen Langenfeld und Opladen unter einem anhaltenden Mousqueten feür und einigen Canonenschüßen die erbärmliche Bataille an, dieße währete bis gegen 7 Uhren abends wo die Kaiserln. schon bis über die dünnen bruck am Küppersteg zurückgedrückt waren, und so viel man wißen will, von beiden Seiten 1 Mann geblieben seyn soll. General Erbach, der mit etlichen 20000 Mann im Lager bei Kaiserswerth gestanden, unterhalb welchem die Franken, und zwarn bei den k. Preüßischen Vorposten mit ihrer Hauptmacht um die nehmliche stunde in der Nacht vom 5n. auf den 6n. den Rhein passiret waren, hat seinen Rückweg durch die Gebirge längs der Preüßischen Gränze genohmen. Prinz von Würtemberg aber /: der beim Einzug der Franz. noch in Mülheim ware :/ wird directe nach Frankfurt marschiren.

Der 10te. dießes /: 0 des greulichen Andenckens! :/ ware der Tag, welcher Plünderung und Verheerung, Schreken und Todes Angst, ja den Tod selbst über Uns und unsere Nachbaren verbreitete. Um halb 6. Uhr Morgens kamen zu erst 2 franz. Dragoner vor mein Fenster geritten, und forderten 30. Carolins, die ganz geschwind solten herbeigeschaft werden, ich erwiderte ihnen daß ein solches eine pure Unmöglichkeit seie. Sie stiegen sogleich von ihren pferden, wo immittels noch ein dritter hinzukame, mit pistolen und Säbeln in den Händen traten sie in mein Zimmer, der Eine nahm mir 4 Kronthlr., womit ich sie abspeißen wolte, aus den Händen, der andere erwischte meine Sackuhr, nebst 8 Carolins in gold die ich, unglücklicher weiße in der Uhrtasche verborgen hatte, der dritte nahm die Schuh mit silbernen Schnallen, ein paar neüer stiefelen, und 10 rt. – 52 stb., die ich vor den fleischhacker beisammengemacht- und ins bett verborgen hatte, dem Friseur und Niclas die Uhren und einiges Geld, so dann auch dem Simon einen Beütel mit geld..  Mit diesem Frühstück machten sich dieße fort. Gleich drauf waren schon wieder andere da, und forderten wein und Eßen, ich ließ ihnen geben was ich hatte, indeßen kame ein Officier mit einem Trupp Infanterie, nebst einigen Husaren, und nun gings über Keller, Kuch und Spinde her, was nicht im Hauße verzehret wurde, wurde mitgeschlept. Den Officier, den ich noch für zimlich ehrlich ansahe, bate ich, um ferneren Unordnungen vorzubeugen, sein quartier dahier zu nehmen, allein er muste weiter fort, ich bate sodann um eine Sauvegarde, Er wieß mich zum Generale, der in Dünnwald seyn solte, ich schickte auf der Stelle den Friseur dahin allein der General ware noch nicht angekommen. Indeßen wurden auch bei solchen Unmenschen und in einem solchen Hauße /: wie das hießige, deßen Inhaber Man als emigrirt betrachtete :/ keine Sauvegarde etwas gefrüchtet –  vielmehr das Übel noch vergrößert haben. Nun folgte eine Cartouchen- und Räuberbande der anderen nach. 5 Husaren erwischten mich auf dem Vorhofe, 2 davon hielten mir die pistolen auf die Brust, ein anderer grif mich bei den Haaren: Geld und pferde solte ich herbeischaffen: Unter lauter Todes ängsten muste ich nun auch noch meinen Geldbeütel worinn noch etwa 2 Kront. und einige Münze waren, samt allem, was ich sonst bei mir hatte, hergeben. Nun wurde ich zum Halfens Hause geschlept, um die Pferde beizuschaffen, allein das Hauß ware leer samt dem Pferdstall. Immittels hatte schon eine Rauberhorde sich aufs herrschaftliche Hauß gemacht, Jene Thüren, Commoden, und Schränke, die sich nicht gleich eröfneten, wurden mit bei sich führenden allerhand Instrumenten erbrochen, und was nur anständig ware, mitgenohmen. Dies zügelloße Verfahren daurte bis gegen abend, Eine Bande folgte der anderen. Vom Herrschaftlichen Hauße gings auf die Hubertus-Burg loß, wo die nehmliche Plünderung, Bosheit und Muthwille getrieben wurde. 2mal muste ich mich durch den Haußweier und die Dünne, in der grösten Lebensgefahr, ins Gebüsch flüchten. Gegen Mittag kam ein Adjutant eines sichern Generaln. Duvignot[i], sobald dießer impertinente Kerl mich erblickte, befahl er mir, jene 2 Schäkken, die ich von hier hätte wegführen laßen, auf der Stelle herbeizuschaffen, ich erwiderte ihme, daß ein solches nicht möglich, weilen nicht wüste, wo sie wären /: er war also schon unterrichtet :/ Hierüber ganz rasend, versetzte er mir 2 tüchtige Stöße auf die Brust, und ich muste ihm versprechen, einen Expressen zu Aufsuchung der Pferden abzuschicken. Er marschirte nun weg. Gegen abend  kame der General selbst, bedaurte tückisch  unser Schicksaal, und offerirte mir gleich eine Sauvegarde. Dies selbst-eignes Anerbieten kame mir schon verdächtig vor. Er ging aufs Hauß, durchschnaufte alles, und fand unter anderen auf dem Speicher die zerbrochene Kiste mit dem Pferdsgeschirr des Hn. Landkommenthurs v. Zweyer. Da er sich das beste hievon aussuchte, sagte sein Reitknecht, ein biederer Deütscher, zu mir: Die kleinen Diebe sind fort, nun kommen auch die großen: Und Er hatte ganz recht, dann, da dHr. General das pferdsgeschirr weggenohmen hatte, muste ich mit ihm in die Remisen. Er fragte mich sodann, was ich für den Wagen des Hn. Landkommenthurs v. Zweyer haben wolte, ich erwiderte ihme, keine Ordres zu haben, dahier etwas zu verkaufen. ich gebe ihnen, sagte er, 750 livres in Assignaten, ich antwortete ihme, daß ich den wagen weder in Papier noch in klingendem Gelde verkaufen würde, und daß 750 livres dermalen nur etwa 1 1/2 Conventionsthlr. ausmachten. Da Er mit dem Verkauf nicht zu recht komen konnte, reiste Er wieder ab, ließ jedoch die Sauvegarde hier zweifels ohne in der Absicht, daß der wagen keinem andern zu theil werden solte: folgenden Tages kame sein Adjutant wieder hierhin, rieffe mich auf ein Zimmer allein, nahme noch einen Bedienten mit, und befragte mich, Ob ich wircklich jemand zum aufsuchen und abholen der Schäkken weggeschickt hätte, ich muste: Ja: sagen. Wannehr er retourniren würde? R: Wüste ich nicht, weilen ich nicht wüste, wo die pferde wären. warum ich dem Hn. Generaln. den wagen nicht wolte verkaufen? weilen ich nicht dörfte. Mit dießen Antworten ritte Er wieder weg. Gestern fand sich der Gral. selbst wieder ein, und wolte nochmal, daß ich ihme den wagen verkaufen solte, wo nicht, würde er ihn doch nehmen, ich bestande auf meinen worten, mit dem Bedeüten, daß ich gegen seine gewalt nichts machen könte. Immittels daß ich mit dem Gral. sprache wurde von desselben 2 Bedienten, mein Zimmer wiederholter erbrochen, und das, was die Ubrigen mir noch ruckgelaßen, so gar das papier und Schreibfederen mitgenommen. Heüte Morgen schikte der Gral. 2 abgesandten zu pferde  samt einem Halfens Knecht mit 2. loßen Pferden um den wagen abzuholen. ich muste also denselben gedultig verabfolgen laßen. Der Gral. schikte mir zugleich die 750 livres in papier, nebst einem von ihm unterschriebenen Schein daß er vor sotanes papier den wagen von mir erkauft hätte, und noch einen anderen von mir zu unterschreibenden Schein daß ich ihm denselben für dieße Summe verkauft hätte. ich schikte ihme Eins mit dem andern obruck [sic], und ließ ihm sagen, daß gestern seine eigenen Bedienten, bloß an papier, ohne das übrige vor mehr dann 750 livres mir entwendet hätten. Bei Hn. Reckum wo er im Quartier ist wird er auch einen dem H. Geüenich zugehörigen Wagen mitnehmen.

Seit vorgestern sind 2 officiers mit 3 Bedienten dahier im Quartiers gewesen, haben mit dem wenigen Eßen und Trinken, was ich ihnen noch geben konte, vor lieb genohmen, und sind heüt fruh mit den übrigen in hießiger Gegend gelegenen Truppen der Armée nacher Siegburg nachgereißt. Heute glaubt Man nun nach überlebten 3. ewig unvergeßlichen Tägen und Nächten, an denen Man schier nichts als Hülfschreien hörte, wiederum ein wenig frei zu athmen. Gott weiß wie lang es dauren wird. Nur Augenzeügen können sich die greüel, Schandthaten, plünderungen und Gotteslästerungen vorstellen, womit die meistbesoffenen Wüteriche die armen Bewohner des Bergischen Landes zu grunde gerichtet, Die Kirchen mit gewalt eröfnet, die heiligen Gefäße zusammen geschlagen und gestohlen, ja Gott selbst auf die schändlichste Art verunehret, die mehresten Geistlichen fast nakend ausgezogen, Weiber und Mädchens, sogar 14jährige Kinder öffentlich geschändet und genotzüchtiget, die halb Todten Kranken aus den Betten, und die Kinder aus den Wiegen herausgeschmißen und nicht einmal den armsten Bettler geschonet haben.

Der Schade welchen Euer Exzellenz durch die Plünderung erlitten haben ist in Betracht verschiedener Herrschaftn. sowohl als privat Haußeren noch sehr leidentlich. hauptsächlich bestehet derselbe in entwendetem schwarzen Leinewand, wüllenen- und franzleinenen Bettdecken, Bett- und Matratzen Überzug, Einer stehenden Uhr und zwarn jener welche aufm Speissaal neben Laudons Portrait gestanden, einigem Porcellain, Meßing- übersilberten Leüchteren, abgerißenen Bett-Cordinen und Tapeten, zerbrochenen Commoden [eingefügt 7 schlechten Gewehren mit den Säbelen  /: Die besten Gewehre sind in Sicherheit :/] Sodan an baarem geld -/:  nebst obigen 4 französich. Kront., und 10 r.- 52 Stbr.:/ in 15 brab. Kront., deren ich 28. auf meinen Zimmeren  hie und da verborgen hatte, wovon den Raüberen besagte 15. in die Hände gefallen , die übrigen 13 aber nicht vorgefunden haben. ich könte also bis herzu den ganzen Schaden nicht über 500 r. angeben. AIlein der Verlust welchen ich und die übrige hießige Dienerschaft /: den Bedienten Joseph Deisel und den Stallknecht jacob ausgenohmen, welche mit den Schakken nach dem Preußischen sind :/ erlitten haben, kann wenigstens zu 2000 rt. taxiret werden. Noch heute werde ich es wagen nach Köln zu kommen, um einen Paß zu erwircken, mittels weßen ich das glücklich gerettete Verschlag mit Kirchen Paramenten, nebst jenen mit den Commenden-.Rechnungen-, und dem Berchengarn /: welche beide jedoch erbrochen worden. :/ mehrerer Sicherheit halber, so geschwind als möglich,  von hier weg- und nacher Köln transportiren kann:

Soeben komt der Bediente Joseph, und referirt mir, daß die geflüchteten Sachen mit den 2 Schäkken, zu Lünscheid im Preüßischen bei sicherem Hn. von Kessel, in Salvo seien, und derselbe versprochen habe, bei allenfallsiger Gefahr, solche mit seinen eigenen Sachen ferner transportiren zu wollen. ich werde nun auch sorgen, daß ein Paß ausgefertigt werde, womit die 2 Schäkken von Lünscheid nacher Elsen gebracht werden können.

Zu hohen Gnaden empfehle ich mich übrigens und ersterbe in tiefester Hochverehrung

Ewer Hochwürden Exzellenz

Unterthänig-treü-gehorsamster

Linden

am 16. 7bris. 1795

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