Antwort auf: Nr. 15a – 01.06.1796

Foren Lindenbriefe Morsbroich Nr. 15a – 01.06.1796 Antwort auf: Nr. 15a – 01.06.1796

#754

Letzte Fassung!

 

Nr. 15 a                                                                                                       1796 Juni 1

 

 

Linden berichtet, dass sowohl die Kaiserlichen als auch die Franzosen vorrücken und die Bevölkerung mit Eigentum und Vieh nach Mülheim oder Deutz flüchtet. Ganze Dörfer seien schon menschenleer. Er kann die Vormarschrouten der französischen Truppen exakt bezeichnen. Die Soldaten plündern trotz der erlassenen Verbote, Bauern werden gezwungen, Verschanzungen anzulegen, ihre Ernte verdirbt derweil auf den Äckern. In einem Nachtrag berichtet Linden noch von „18 Karrigen mit blessirten Franzosen“ und „400“ Gefangenen.

 

Historisches Archiv der Stadt Köln, St. Katherinen 49 a

 

Auch Hochgebietend Gnädiger Herr!

 

Da es in hiesigen Gegenden ruchbar geworden, daß  kaiserler. Seits der Waffenstillstand aufgekundigt sei und der Termin deren dabei vorbehaltenen 10 Tagen in ab gewichener Nacht verstreichen würde, da ferner aus dem bei Düsseldorff erfolgten Übergang  einer Menge Cavallerie von der andern auf diese Rheinseite wohl vorzusehen war, daß statt der Kaiserlichen /: obschon diese aufgekündiget hatten :/ dennoch die Franzosen zuerst vorrucken würden, und da eben diese dem hiesig neutralen Districte schon zum Voraus versprochen hatten, denselben bei fernerm Vorrucken noch einmahl tüchtig hernehmen zu wollen, so wurde beim allmähligen Herannahen des zu Ende gehenden Termins Forcht und

Schrecken eben so allgemein als das Emigriren und Flüchten. Mülheim und Deutz waren die allgemeinen Zufluchts-Örter. Fast alles, was nur lebte, machten² sich mit all seinen Haabseeligkeiten und allem Viehe dorthin und verließen ihre Wohnungen, schier ganze Dörfer wurden von Menschen entblößt. Es war gestern um Mitternacht als der terminus deren 10 Tagen ablief. Kaum hatte die Klock 12 geschlagen, so fing schon die Cavalerie ihren Marsch an über die Opladener Brucke. General Kleber machte die Avantgarde und schlug die Chaussee nach Siegburg ein. Le Febvre hingegen marschirte mit seiner Division auf dem so genannten Mauspfade vorwärts. Ersterer soll, wie es soeben verlautet, bei Urbach von einer kaiserlen. Patrouille umrungen und beinahe selbst gefangen worden seyn. 40 deren bei sich habenden Chasseurs geriethen in kaiserle. Hände und sein Adjutant verlohr einen Arm. Der Gral. selbst hatte, da er nach der Affaire sich auf Mülheim gemacht, gleich einem Toten ausgesehen und gleich zur Ader gelassen. Die Armée /: die man zwischen 30- und 40000 Mann starck schäzt :/ soll indessen schon bis an die Aacher vorgerukt seyn. Morgen wird’s also daselbst und an der Sieg wohl einige Schläge absetzen. Jedoch vermuthe ich nicht, daß die Kaiserln. Ihre dasige Positionen sehr behaupten – vielmehr weiter hinauf retiriren werden, um allenfalls schicklicher dem Feinde eine Schlappe versetzen zu können. Vom Hundsrucken, woher man sich so vieles Gutes und etwas Entscheidendes versprach, vernimmt man noch gar nichts. Morsbroich ist bei dem diesmaligen Hinaufmarsche doch

einmal praeterirt[1] worden. Kein Franzos hat die hiesige Gegend[2] heute durchpassiret. Der Zug der Truppen blieb größtenteils bis Küppersteg auf der Chaussée, von da nahmen 2 Colonnen den Weeg nach Dünnwald und dem Haus Hahn vorbei auf den Mauspfad. Ohngeachtet den Truppen jede Ausschweifung /: wie Euer Hochwürden Exzellenz aus der hier anschlüssigen Proclamation[3] zu ersehen die Gnade haben werden :/ schärfest verboten war, so wurde doch fast allenthalben, wo nur einzelne Truppen hinkamen, geplündert, besonders, je näher die Armée nach der Aacher und Sieg avanierte.  Heute wurden schon an die 2000 Bauren aus hiesigem Amte so wohl als denen angränzenden aufgeboten und beorderet, an Verschanzungen, deren von Bensberg bis an den Rhein oberhalb Deutz gemacht werden sollen, zu arbeiten. Elende verderbliche Aussichten, wenn dem Landmann auch noch die wenige in den Felderen stehenden Früchten zugrunde gerichtet werden sollen! Land und Leute sind und werden von Tag zu Tage noch mehr und mehr ruiniret. Requisitionen und Contributionen werden nun wohl ehestens sich aufeinander folgen. Wenn nicht in kurzem eine für die Oesterreicher ganz glücklich ausfallende Schlacht auf der andern Seite des Rheines uns retten wird, so förchte ich, daß es um uns und um das ganze Deutsche Reich geschehen sei, denn Frankreich wird alle Kräften aufbieten, um vom ganzen linken Rheinufer Meister zu werden und zu bleiben. Gott gebe, daß ich mich irre. Ich ersterbe ut in litt.

 

Euer Hochwürden Exzellenz unthg -treu gehorsamster Dr. Linden

 

Mbroich. d. 1n. Juny 1796.

 

U.N.[4] Soeben komt jemand von Siegburg mit der Nachricht zu mir, daß die Franzosen schon heute Morgen die Aacher und Sieg passiret seien; außerordentlich hartnäckig soll

beiderseits gefochten worden seyn. 18 Karrigen mit blessirten Franzosen sind bereits nacher Köln abgeführet. Von Odonell hingegen und Barco[5], sodann den Tyroler Scharfschützen sind 400 Mann in feindliche Gefangenschaft gerathen, die morgen nach Bonn transportirt werden.

 

 

[1] Lat praeterire = vorübergehen, hier: ausgelassen werden.
[2] Eingefügt: gestern noch.
[3] Am Rand Anlagenhinweis der Mergentheimer Kanzlei.
[4] Ultima notitia = letzte Neuigkeit.
[5] Hier handelt es sich um Regimenter der kaiserlichen Armee, sie wurden damals nach den Regimentsinhabern bezeichnet.

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