Antwort auf: Nr. 21 – 10. 9. 1797

Foren Lindenbriefe Morsbroich Nr. 21 – 10. 9. 1797 Antwort auf: Nr. 21 – 10. 9. 1797

#761

Letzte Fassung!

 

Nr. 21                                                                                                     1797 September 10

 

In dem Brief berichtet Johann Peter Linden, seinem Herrn von Forstmeister, von den zu Unrecht geforderten Tafelgeldern, die von der Gemeinde für die Verpflegung des einquartiert gewesenen Majors und seiner Stabsoffiziere berechnet wurden. Er will jedoch noch die näheren Bestimmungen der Steuerkommission abwarten, bevor er sich beschweren will. Des Weiteren schreibt Linden von den notwendigen Reparaturarbeiten an den Stalltüren des Schlangenhecker Hofes. Da der Halfen gezwungen war, seine mit Stalltüren versehenen Pferdeställe durchreisenden Fuhrleuten zu überlassen, sollen jetzt an allen Ställen Türen angebracht werden. Zum Abschluss des Briefes sendet Johann Peter Linden seinem Herrn noch die besten Wünsche für seinen morgigen Namenstag.

 

 

Hochwürdig-hochwohlgebohrner Freiherr, insonders hochzuverehrendester Herr Landkomthur, hochgebietend gnädiger Herr!

 

 

Kaum hatte uns Euer Hochwürden Exzellens hochverehrlichen beiden Rescripten vom 15n. Aug. abhin ich die so erfreuliche Nachricht des zwischen Österreich und Frankreich nun endlich abgeschlossen seyn sollenden Endfriedens zu lesen die Gnade gehabt, so verbreiteten sich hingegen noch nehmlichen Tages die Gerüchte, daß von Wezlar, Gießen und Weilburg her wirklich 10 a 11000 Mann Infanterie nach den hiesigen Gegenden aufm Marsch begriffen seien, um ihre Cantonnirungs-Stationen zu beziehen. Dies letztere hat sich, leider, schon mehr als zu viel bestätiget, denn ich wüsste kein Dorf im ganzen Bergischen, welches dermal Einquartirung frei. Am 27n. v.M. erfuhr ich, daß das Kirspel Schlebusch noch nehmlichen Tages mit 1 Compagnie Grenadiers des 1n. Bataillons von der 67n. Halbbrigade würde belegt werden. Um das Haus Morsbroich für allenfallsiger Einquartirung desto ehender zu befreien, raumte ich dasselbe und ging nacher Mülheim. Allein! des Hn. Oberamtmann Fhn.[1] v. Lüzerode Secretaire und dermaliger Marsch-Commissair hatte die Unvorsichtigkeit gehabt dem Obersten sotanen Bataillons, einem Capitain, einem Adjutent Majorn, einem Chirurgien Major nebst einem Schreiber das hiesige Haus zu ihrem Bureau anzuweisen. Um den Mittag kamen diese Herren mit 2 Bedienten und einem Weib dahier an und fanden das Haus leer. Ihre 1te. Forderung bestund in essen und trinken, sodann in Beischaffung 5 vollständigen federnen Bettungen, 1teres musste der Halfen für den Tag hergeben; da aber derselbe kein ordentliches Bett herschaffen wollte oder nicht konnte, so wurde der Ortsvorstand attaquirt und mit Execution belegt. Dieser schickte mir sogleich einen Expressen und ersuchte mich um die Anschaffung deren 5 Bettungen. Ich erwiderte demselben, daß dies für mich um so unthunlicher, je bekennter es sei, daß die M-broicher Bettungen durch die Plünderungen teils sehr gelitten, teils nachhero aus Ordres des Gral. Receveurs des Domaines[2] für die Republique nacher Cöln gebracht worden seien. Anderten Morgens in der Fruhe erhielt ich von dHn. Obrist, Namens le Roy den scharffen Befehl, die Bettungen ohnverweilter anzuschaffen und mich selbst dahier einzufinden. Ich eilte sofort nach Köln, um mit dasigen Hn. Beamten die Sache zu überlegen, H. Hofr. v.Welter und Hr. Rtmstr. Dechen waren der Meinung, daß nähere Ordres zu erwarten seien und ich noch ein paar Tage zuruckbleiben solte. Allein! Mittlerweile daß ich in Köln war, hatte dHr. Obrist mit den übrigen Offes[3] mich wirklich in Mülheim aufgesucht, da sie aber weder mich, noch den daselbst logirenden General Compère vorgefunden, hatten Sie dem Marsch Comissaire aufgetragen, mir anzudeuten, daß in Zeit 24 Stunden ich samt den Bettungen mich unter der Strafe dahier einzufinden hätte, daß widrigens 30. Grenadiers hierhin gelegt – und jedem pro Tag ½ Kron. gezahlt werden sollten. Der Marsch-Commissaire ließ mich folgenden Morgens zu sich berufen, und, kaum hatte ich mit demselben einige Worte gesprochen, so trat der dahier logirende Capitain ins Zimmer und befragte Ihn, ob Er mich gesprochen und mir alles angedeutet habe. Dieser erwiderte, daß ich derjenige sei, den man suche. Nun war der Vogel gefangen. ich musste über mein Weggehen von hier, über die Ausleerung des Hauses  die derbsten Vorwürfe anhören, all mein Ausreden half nichts. Ohnverzüglich mußte ich mit ihm von 2 Grenadiers begleitet zu Hn. Rtmstrn., um von diesem die Anschaffung der Bettungen zu gesinnen. H. Rtmstr. wolte sich ebenfalls mit Plünderungen entschuldigen. Allein keine Entschuldigung wurde angenommen. Nur unter dem Versprechen, daß noch nehmlichen Abends ich mit den Bettungen dahier eintreffen würde, wurde ich entlassen. Ich suchte sogleich eine Karrich auf und ließ in der Behausung des Hn. Sindicus Dolleschall die 4 schlechtesten Bette, 8 Küssen, 4 paar Bettlaken und 2 Küssenziege aufladen und begleitete die Kärrich anhero. Ich gewärtigte nun abermal die schönsten Reprochen[4] und noch was mehr. Allein! Nichts weniger als das geschah. Hr. Obrist ein sehr feiner und solider Mann empfing mich sehr freundschaftlich. Er forderte indessen auch von mir die baldige Anschaffung des nötigsten Tischzeugs, der Kuchengeschirren, der Köchin /: die er selbst auch schon aufgesucht hatte :/ und endlich die Fournirung[5] der Tafel. Ich erwiderte demselben, daß ich ersteres, soviel nur möglich, thun würde. Letzteres aber, wegen der jetzig traurigen Lage der Sachen unmöglich auf Kosten des hiesigen Hauses geschehen könnte und ohnehin die Anschaffung deren Vivres, wo nicht vom ganzen Amte, doch wenigstens von dem Kirspel Schlebusch gemeinschaftlich geschehen müsste, als worüber ich dHn. Richter besprechen würde. Hiemit begnügte sich einsweilen dHr. Obrist. Ich ging sodenn zu Hn. Richtern, stellte demselben die Lage der Sache deutlich vor und beredete ihn, daß zwischen ihm, des Amtsvorsteheren und mir eine desfallsige gemeinschaftliche Berathung vorgenommen werden möge. Diese ist auch bereits unterm 3ten. dieses vor sich gegangen. In derselben zeigte es sich aus dem vom Schlebuscher Vorstand bis dahin fournirten Kuchenzettel des Obristen, daß dessen Tafel ein Tag in dem andern gerechnet mit und ohne fremde Gäste, pro Tag auf 14 ad 15 rhr. zu stehen kam. Auf die Frage, wie die Gemeinde zu diesen täglichen Ausgaben für die Zukunft concurriren habe? wollte dieselbe darauf bestehen, daß Euer Hochwürden Exzelenz darab eine Hälfte und die Gemeinde die anderte Hälfte zu entrichten haben solle. Hierinn konnte und wollte ich aber für diesmal nicht einwilligen. Ich erhielt indessen anderten Tages den zur hohen Einsicht dahier beigefügten neuen Kuchenzettel von dem Hn. Obrist.,[6] welcher den obigen noch mit 2 Schüsslen übersteigt, mit dem Bedeuten, ohne Aufschub die Fournirung der Tafel selbst zu übernehmen und mich des Falls, so gut ich könte, mit dem Amte zu arrangiren hätte. Seit dem 5ten. dieses hab ich mich also hierzu anschicken und alle und jede Anschaffung deren Vivres bestreiten müssen. Da nun nach meiner genauen Berechnung Vom 5n. bis auf heute der tägliche Ertrag /: besonders so lange es noch Wildprett gibt :/ nicht über 14 r. sich pro Tag beloffen, so bin ich heute mit Hn. Richtern als Bevollmächtigten der Gemeinde dahin übereingekommen, daß Euer Hochwürden Exzell. nur ⅓tel, der Gemeinde hingegen ⅔tel zu Last fallen, sohin diese jedem Decade; so lang die gegenwärtige Einquartirung bestehen wird, an mich einhundert Reichsthlr. auszahlen solle.[7] Gleichwie nun aber der geringe Geldvorrath, der Ausweis des zur hohen Einsicht und gnädigen Ratifcation anligenden Monats-Status Augti. in meinen Händen noch beruhete, schon aufgezehrt ist und ich dermalen auch nicht imstande bin, derlei Auslagen aus dem Meinigen zu thun; so sehe mich in die Nothwendigkeit versetzt, um die gnädigen Verhaltungsbefehle: woher sowohl zu Bestreitung dieser täglichen Ausgaben, als zu Befriedigung deren teils pensionirten teils salarirten[8] Dienerschaften, fort sonstigen Nothwendigkeiten die erforderlichen Gelder zu nehmen seien: um so mehr unterthänig zu bitten, als allem gegründeten Anschein nach es wohl gar keinem Zweifel mehr ausgesetzt ist, daß die Catonnirungen[9] der Franzosen den bevorstehenden ganzen Winter hindurch continuiren werden, O! wie wird’s wehrend dieser Zeit, Morsbroich und mir annoch ergehen? Die letztern Dinge werden scheinbarlich noch schlimmer seyn denn die ersteren. Heute sinds just 2 Jahre, daß wir im gegenwärtigen Kriege die Franzosen zuerst hier sahen, und wehrend dieser 2 Jahren ist das Bergische Land /: die Plünderungen ausgenommen :/ von denselben noch nicht so hergenohmen worden, als bei den jetzigen Einquartirungen. Fleisch und Brod, Tabac und Haarpuder, ja alle erdenkliche Nothwendigkeiten muß der Bürger sowohl als der Baur und

zwarn ohne einige Widerrede dem Soldat hergeben. Darneben muss jede Stadt, jedes Dorf seine einquartirten Truppen vom Kopf bis zu den Füßen neu equipiren;[10] die noch ruckständige alte Contribution wird mit all möglichen Geschwinde executive beigetrieben, damit eine neue, die schon unter der Presse, desto ehender stattfinde, bei allem dem ist´s Friede? Endlich hat auch dHr. Forstinspector Emmerich /: nachdem von der Mittel-Commission zu Bonn demselben neuerdings die Ordre zugegangen, das Holzgeschäft zu beschleunigen, sich zu Zeichnung deren Bäumen dahier eingefunden. Er hatte eine ihm miteins zugeschickte Liste bei sich, worinnen specifice bemercket, wie viele Klafteren Holtz in jedem Busch /: diejenigen ausgenommen, so sich mit Eichhoff bereits abgefunden :/ verfertiget – und wie viele Bäume hierzu geschlagen werden solten. Zufolg sotaner Liste sollten aus denen Morsbroicher Buschen 40 Klafter gefertiget und hierzu 30 Bäume gezeichnet werden. Die Zeichnung solcher Bäumen fand ich am diensamsten in den zur

Doctorsburg gehörigen Buschen aus der Ursache vorzunehmen, weilen einestheils in denselben die Eichbäume am dicksten zusammen stehen, auch die ältesten Bäume sind, und andertens

diese Lage der Gefahr sehr exponiret ist, weilen solche nicht weit vom Rhein entfernet und sohin leichtlich jemandem einfallen könnte, eine Parthie dieser Bäumen von der Republique zu erhandlen und aufm Wasser weg zu transportieren der Tax deren 40 Klafteren /: welchen Emmerich an Eichhoff eingeschickt hat :/ wird sich auf 160 rhr. belaufen. Die zu Klafterholtz gezeichneten 30 Bäume kann ich dermalen, wo die Rheinpassage wieder offen und ziemlich viel Holtz den Rhein herunterkommt, höher nicht als 270 r. taxiren. Ob Eichhoff, an welchen ich des Falls geschrieben hab, für die besagten 40 Klafteren Holtz /: deren Bestimung in das Magazin nacher Düsseldorf ist :/, sich mit etwan 100 rhr. begnügen und zugleich, seinem ehemaligen Versprechen gemäß einen Revers[11] abgeben wird, wodurch sämtliche in hiesiger Gegend gelegenen T.O.[12] Waldungen gegen zukünftige Unfälle sichergestellt werden, dies werde ich wohl ehestens von demselben ruck-antwortlich zu erwarten haben. Es fragt sich indessen schon wiederum, wo die hierzu erforderlichen Gelder herzunehmen seien. Wie es übrigens bei den bevorstehenden Winterquartieren den Buschen ergehen werde, lässt sich leicht denken, Dann werden Soldaten und Bauren gemeinsame Sache machen. Ohne die obige bemerkten zu Klafterholtz für die Republique gezeichneten 30 Eichen hat Emmerich auf mein Ansuchen deren annoch 17 in den zur Doctorsburg gehörigen Balleibuschen und 13. in denen Landkomturn.-Buschen, welch alle recht gesunde Bäume sind, zu desto mehrerer Sicherheit mit dem republicanischen Waldbeil gezeichnet, für welch gehabte Bemühung derselben sich mit 4 brab. Kron. begnügen lassen. Der Rest deren aus dem Verkauf des diesjährigen Schlagholtzes eingegangenen Gelder ist dem Monatsstatus Aug. mit 41 r. 57 stb. eingetragen. Die ganze Masse desselben betrug sich 24 Viertel. Hiervon sind verkauft und abgeliefert worden 21 Viertel. 19½ hundert, welche an Kaufschillingen sich belaufen auf- rhr. 387- 9 stbr. Zur hiesigen Consumtion sind folglich noch verblieben 2 Viertel – 5½ hundert, diewelche, bei der jetzigen Lage dem Vulcanus bald aufgeopfert seyn werden. Denn die starke Wacht, welche dahier ist und die ganze Hubertusburg, außer dem Zimmer des Gärtners, eingenommen, fängt wirklich an, die Öfen einzuheizen. Meine Wohnung ist dermalen in dem Zimmer des P. Wendelin. Ich glaube nicht, daß es lang dauren wird, so werde ich auch hieraus weggetrieben werden. O. Friede! Nie ist das Wort Krieg so gehässig gewesen als dermalen der Friede. Was wird denn doch endlich aus uns werden? Zufolge des Aug-Monats-Status ist der Zimmermann, welcher die Reparation an der Behausung zu Schlebuschrath unternommen und bereits geendigt, mit 12 r.- 7 stb.- 8 hr. – sodann der Maurer für die verfertigte Maur mit 13 r. ausbezahlt. Dermalen sind die Leiendecker mit der Reparatur des Dachs und der Dachrinne beschäftigt, wenn solche fertig, so wird auch die in beiden unter der Dachrinne befindlichen Zimmeren zu machende Maurers und Pflästers Arbeit vorzunehmen seyn.

 

Zu Euer Hochwürden Exzellenz hohen Gnaden empfehle ich mich ganz gehorsamst und ersterbe in tiefester Ehrforcht

 

Euer Hochwürden Exzellenz

unterthänig treu gehorsamster Diener

 

J.P. Linden

 

Morsbroich d. 10n.7bris. 1797

 

 

 

[1] Freiherr.
[2] Landdomäneneinnehmer = Verwalter der Staatsgüter.
[3] Abgekürzt: Offiziere.
[4] Vorwürfe
[5] Versorgung
[6] Hier am Rand ein Kanzleivermerk.
[7] Im Original unterstrichen und am Seitenrand  mit einer Kanzleimarkierung versehen.
[8] entlohnenden
[9] französisch cantonnement: Einquartierung
[10] ausstatten
[11] Verpflichtung
[12] Abkürzung für Teutsch-Ordens.

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